Manisch depressiv: „Ich habe jeden Mann bekommen, den ich haben wollte!”

Da ist die Frau, die große Probleme mit ihren Arbeitskollegen hatte und deshalb nicht mehr zur Arbeit gegangen ist. Mit ihren Eltern hatte sie auch einen Riesenstreit und ist bei ihnen ausgezogen. Sie hat dann mal hier, mal da gewohnt – das ist kein guter Zustand in einer Manie.

Das Problem war, dass sie überhaupt kein Schamgefühl und keine Manieren mehr hatte. Sie war immer brutal ehrlich zu den Menschen um sich herum, und genau das hat die anderen so gestört – eigentlich traurig. Es war aber in dieser Phase schon sehr schwierig mit ihr, denn sie ließ sich nichts sagen, zudem war sie  egoistisch und hat nur gemacht, was sie wollte.

So wenig sie es mit Frauen in Frieden aushielt, umso besser kam sie mit dem männlichen Geschlecht klar.Sie hat auf einmal jeden Mann bekommen, den sie haben wollte. Sah sie einen Typen, den sie nur annähernd attraktiv fand, sprach sie ihn an und kam ihm schnell näher.

So und anders laufen viele “Geschichten” ab. Aber die manisch-depressive Störung ist immer noch eine tückische Krankheit. Der Betroffene selbst versteht dabei nicht, was mit ihm los ist.

Was hat es eigentlich mit der „schönsten Krankheit der Welt“ auf sich? Es ist so: Die Manie öffnet einem sozusagen Türen, von denen man vorher nicht wusste, dass sie überhaupt existieren. Es ist zudem eine Befreiung für jemanden, der vorher depressiv war. Die Hochstimmung ist aber trügerisch: Um sich von der Erkrankung  zu befreien, braucht man die richtige Behandlung.

In den depressiven Phasen leiden die Betroffenen an einer über das normale Maß hinausgehenden seelischen Niedergeschlagenheit sowie an Freud- und interessenverlust. Sie sind traurig, antriebslos und motivationslos, empfinden dies selbst als “nicht normal” und können es nicht mehr steuern. Auf der anderen Seite fühlen sie sich In den manischen Phasen geradezu euphorisch, neigen zu unüberlegten, übermütigen, außer Kontrolle geratenen Verhaltensweisen und überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten. Typischerweise verläuft die Erkrankung in voneinander abgegrenzten Episoden.

Manisch depressiv – Beschwerden und Symptome

Bei der depressiven Phase erleben sich die Betroffenen meist als krank und sehen ihre Situation als ausweglos und hoffnungslos an. In der manischen Phase haben sie meist keine Einsicht, dass sie eine Krankheit haben; sie fühlen sich gesund und leistungsfähig.

Folgende Symptome treten häufig in depressiven Phasen auf:

  • Meist eine grundlose depressive Verstimmung die von leichter Bedrücktheit bis zu tiefer Traurigkeit reicht verbunden mit dem Gefühl der Wertlosigkeit
  • Interesse- und Freudlosigkeit an Aktivitäten und Vergnügungen
  • Schnelle Ermüdbarkeit
  • Innere Unruhe
  • Schlafstörungen
  • Körperliche Beschwerden wie Magendruck, Übelkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Brustschmerzen, Gewichtsverlust und Herzrasen
  • Gedankenkreisen
  • Störungen in der Aufmerksamkeit und in der Konzentration
  • Antriebsstörungen
  • Unentschlossenheit, teilweise auch bei einfachen Entscheidungen
  • Appetitlosigkeit
  • verringertes sexuelles Interesse
  • Stark übertriebene Schuldgefühle und Schuldvorwürfe
  • mangelndes Selbstbewusstsein
  • wiederkehrende Gedanken über den Tod, Selbstmordgedanken, Selbstmordversuche

Folgende Symptome werden häufig in manischen Phasen beobachtet:

  • unangemessen gehobene, heitere bis euphorische Stimmung
  • stark gesteigerter Antrieb und Bewegungsdrang
  • leichte Irritierbarkeit
  • erhöhte Ablenkbarkeit und Sprunghaftigkeit
  • Distanzlosigkeit und Kritiklosigkeit
  • rededrang mit erhöhtem Sprechtempo
  • Großer Einfallsreichtum, Gedankensprünge und Ideenllüchtigkeit
  • Verringerten Appetit
  • stark verringertes Schlafbedürfnis
  • Verstärkten Sexualtrieb
  • Sie sind häufig streitsüchtig, haben eine gereizte und aggressive Stimmung, vor allem wenn die Ideen des Betroffenen von seiner Umwelt nicht ernst genommen wird
  • Eine Starke Selbstüberschätzung bis hin zum Größenwahn

In sehr schweren depressiven oder auch manischen Episoden treten bei etwa der Hälfte der Betroffenen psychotische Symptome auf wie zum Beispiel Wahnvorstellungen, die den Realitätsbezug massiv beeinträchtigen. Die Betroffenen neigen in der manischen Episode zur Selbstüberschätzung bis hin zum Größenwahn.

Die Betroffenen haben in der manischen Episode auch eine veränderte Wahrnehmung von Farben, Gerüchen oder Musik. Der depressive Betroffene  hingegen wertet sich eher ab und kann zum Beispiel an Versündigungswahn, Verarmungswahn oder Krankheitswahn leiden.

Wie die Symptome sich auf die Umwelt der Betroffenen auswirken

In den depressiven Phasen ziehen sich die Betroffenen von ihrer Umwelt zurück. Soziale Kontakte und ihre Hobbys  werden vernachlässigt. Selbst die alltäglichen Aufgaben sind für sie nur schwer zu bewältigen. Das führt dann maßgeblich zu Alltagsproblemen und erheblichen privaten und beruflichen Konflikten.

In der manischen Episode werden bisher beachtete soziale Normen missachtet, das Verhalten der Betroffenen ist von Distanzlosigkeit gezeichnet. Im Zusammenhang mit dem gesteigerten Antrieb, der unrealistischer Selbsteinschätzung und dem maßlosen Optimismus kommt es zu einem unüberlegten und problematischen  Verhalten mit weitreichenden Auswirkungen im privaten sowie im beruflichen Bereich. Das führt in kurzer Zeit in den beruflichen, finanziellen und auch privaten Ruin.

Wie häufig ist eine bipolare Störung? Wie ist die Vorhersage?

Viele Studien ergaben, dass das Risiko an einer manisch depressiven Störung zu erkranken, etwa bei 1% Prozent liegt.

Im Gegensatz zu der unipolaren Depression (siehe Text Depression – Wenn die Welt in Dunkelheit versinkt), bei der nur depressive Episoden vorkommen, tritt die bipolare Störung bei Männern und Frauen gleich häufig auf. Die bipolare Störung äußert sich meist erstmals im jungen Erwachsenenalter – etwa mit 20. Es ist aber auch ein späterer Krankheitsbeginn möglich.

Die manischen Symptome entwickeln sich sehr plötzlich. Sie können das Verhalten und das Erleben der Betroffenen  innerhalb von wenigen Tagen ändern. Häufig tritt die Episode nach einem belastenden Lebensereignis auf, wie wie zum Beispiel dem Tod eines Angehörigen, einer Trennung vom Partner oder dem Verlust des Arbeitsplatzes.

Ungefähr die Hälfte der Betroffenen bekommen unmittelbar vor oder nach einer depressiven Episode eine manische Phase. Die Anzahl der Episoden ist sehr unterschiedlich. Die Betroffenen leiden im Durchschnitt  ihres Lebens an etwa acht manischen beziehungsweise depressiven Episoden, wobei die depressiven Phasen dabei dominieren. Eine Episode dauert im Durchschnitt etwa vier Monate.

Chronisch wird die Erkrankung bei circa zehn bis 20 Prozent der Betroffenen und geht in einen Dauerzustand ohne symptomfreie Intervalle über.

Suizidversuche sind bei manisch depressiven Patienten wegen ihrer extremen Stimmungsschwankungen nicht selten.

Die Ursachen der manisch depressiven Erkrankung (bipolare Störung)?

Die Ursachen der manisch depressiven Erkrankung sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird davon ausgegangen, dass verschiedene Faktoren an der Entstehung der Erkrankung beteiligt sind und erst ihr Zusammenspiel diese auslöst.

An einer bipolaren Störung zu erkranken ist wahrscheinlich vererbbar. Die vermutliche Grundlage ist die genetische Komponente einer erhöhten Vulnerabilität für die Erkrankung. Bei Familienmitglieder ersten Grades liegt die Wahrscheinlichkeit, ebenfalls zu erkranken, bei circa 15 %. Wenn dann zu dieser genetischen Veranlagung noch ungünstige Erlebnisse in der persönlichen Lebensgeschichte des Betroffenen hinzukommen, steigt das Erkrankungsrisiko weiter.

Als Auslöser der bipolaren Störung kommen insbesondere belastende Lebensereignisse in betracht. Das können unter anderem Konflikte in der Familie, Trennung oder Scheidung, der Tod von nahestehenden Personen, andauernder Stress sowie Überforderung im beruflichen Bereich oder der Arbeitsplatzverlust sein.

Es können auch körperliche Auslöser wie zum Beispiel Hormonveränderungen im Wochenbett, der Beginn der Wechseljahre, eine Überfunktion der Schilddrüse oder Nebenwirkungen bestimmter Medikamente in betracht kommen.

Wie wird die manisch depressive Erkrankung festgestellt?

Es ist problematisch, dass sich Betroffene während der manischen Episoden nicht krank fühlen. Angehörige erleben dabei den Betroffenen als auffällig verändert, können aber nicht die krankhaften Züge der Veränderung erkennen. Durchschauen sie die Problematik, ist es oft sehr schwer, den Betroffenen davon zu überzeugen, einen Arzt aufzusuchen.

Bei einem Verdacht auf eine bipolare Störung ist es sehr wichtig einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie aufzusuchen. Die Diagnose wird dann von dem Facharzt anhand der Symptome gestellt.

Im Mittelpunkt steht ein sehr ausführliches Gespräch, in dem die aktuellen Beschwerden, Probleme und Vorerkrankungen, aber auch die Lebens- und Familiengeschichte besprochen werden. Einfache Fragebögen können weitere Hinweise auf die Erkrankung und deren Ausmaß liefern.

Von großer Wichtigkeit ist die Fremdanamnese, die Befragung der Angehörigen. Die Angehörigen sollten den Arzt sehr detailliert über alle Ereignisse in der letzten Zeit  informieren.

Zudem sollten auch die körperliche Ursachen ausgeschlossen werden, da manche körperlichen Erkrankungen  mit psychischen Veränderungen einhergehen können. Eine gründliche körperliche Untersuchung und die Bestimmung verschiedener Blutwerte ist daher sehr wichtig. Es kann auch sinnvoll sein eine Hirnstrommessung (EEG) und eine Computertomografie des Kopfes (CCT) machen zu lassen.

Wie wird die manisch depressive Erkrankung behandelt?

Die Behandlung der Erkrankung richtet sich in erster Linie nach der Art der Episode (manisch oder depressiv) und nach dem Stadium der Erkrankung, in dem sich der Betroffene befindet. Es wird unterscheiden zwischen der akuten Behandlung zur Reduktion der manischen oder depressiven Symptome und der rückfallverhütenden Therapie (Phasenprophylaxe) zur Verminderung beziehungsweise Vermeidung weiterer affektiver Episoden.

Die Therapie der akuten depressiven Episode

Um eine depressive Episode zu behandeln werden je nach Ausprägung der depressiven Symptomatik als erstes Antidepressiva gegeben.  Zusätzlich können auch  stimmungsstabilisierende Medikamente gegeben werden. Es können somit verschiedene Präparate eingesetzt werden:

  • Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) erhöhen die Wirkung der Übermittlersubstanz (Neurotransmitter) Serotonin im Gehirn
  • Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer erhöhen die Wirkung von Noradrenalin im Gehirn
  • Tri- und tetrazyklische Antidepressiva erhöhen die Wirkungen von Serotonin und Noradrenalin im Gehirn
  • Monoaminoxidasehemmer hemmen ein Enzym, das am Abbau von Serotonin und Noradrenalin im Gehirn beteiligt ist.

In schweren Fällen ist eine Klinikeinweisung nötig.

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Die Behandlung der manischen Episode

Stimmungsstabilisierer werden zur Behandlung einer manischen Episode verwendet – in erster Linie Lithium. Die Wirksamkeit von Lithium wurde durch viele Studien belegt. Je nach Symptomen, zum Beispiel bei psychotischen und wahnhaften Symptomen, sollten noch zusätzlich Medikamente z.B. Neuroleptika gegeben werden. Bei einer hochgradigen Anspannung und Erregung können noch Beruhigungsmittel, zum Beispiel Benzodiazepine, sowie bestimmte Neuroleptika mit einem dämpfenden Effekt dazu gegeben werden.

Die Wirksamkeit wird ständig vom Arzt kontrolliert und auch die eventuellen auftretenden Nebenwirkungen der Medikamente die zur Behandlung der manisch-depressiven Episoden eingesetzt werden. Das wird unter anderem durch Blutuntersuchung und EKG-Untersuchungen gemacht.

Psychotherapie

Eine unterstützende psychotherapeutische Begleitung im Rahmen der Akutbehandlung ist nicht zuletzt wegen der ausgeprägten psychosozialen Probleme häufig sehr sinnvoll. Durch intensive Gesprächskontakte wird eine Vertrauensbasis geschaffen, die als ambulante Psychotherapie über einen längeren Zeitraum möglich ist. Somit kann die Psychotherapie einen wichtigen Beitrag zur Vorbeugung und rechtzeitigen Behandlung neuer Episoden leisten. Psychotherapie ist bei bipolaren Störungen eine Ergänzung und nicht als Alternative zur Medikamentengabe (Psychopharmakotherapie) zu betrachten. Zusätzlich können noch Beschäftigungstherapie, Kunsttherapie, Tanztherapie oder Musiktherapie als Teil eines Gesamtbehandlungsplans hinzukommen.

Was kann man selbst als Betroffener und als Angehöriger tun?

Die manisch-depressive Erkrankung kann einen Betroffenen stark verändern. Die Familie und die Freunde stehen vor einer sehr schwierigen Situation und sie wissen nicht, wie sie mit der Krankheit umgehen sollen. Gefühle wie zum Beispiel Wut und Überlastung können das Verhältnis zum Betroffenen beeinträchtigen. Deshalb ist es ganz wichtig, dass die Angehörigen ihre eigenen Bedürfnisse nicht  vernachlässigen, sich somit Freiräume schaffen oder den Kontakt zu anderen Angehörigen in Selbsthilfegruppen suchen.

Was Angehörige noch beachten sollten:

  • Akzeptieren Sie die bipolare Störung als Erkrankung.
  • Motivieren Sie den Betroffenen, einen Arzt aufzusuchen und die Behandlung konsequent wahrzunehmen. Insbesondere ist es während der manischen Episode sehr wichtig, ihn davon zu überzeugen, dass er Hilfe benötigt. Helfen Sie ihm, Informationen über die Erkrankung einzuholen.
  • Überfordern Sie den Betroffenen in der depressiven Episode nicht. Aufgrund der typischen Antriebslosigkeit ist er vor allem in der akuten Erkrankungsphase nicht in der Lage, selbst einfache Aktivitäten durchzuführen.
  • Nehmen Sie Äußerungen des Betroffenen, nicht mehr leben zu wollen, ernst und informieren Sie den Arzt darüber.
  • Der Betroffene sollte nicht alleine Entscheidungen treffen. Hierbei sollten die Angehörigen ihn unterstützen, denn sowohl in depressiven als auch manischen Episoden kann bei den Betroffenen die Wahrnehmung der Realität erheblich verzerrt sein.

Fazit

Wichtig ist, dass eine manisch depressive Erkrankung möglichst schnell diagnostiziert wird. Es ist sonst so, dass unbehandelt die manischen und depressiven Phasen immer öfter auftreten. Je mehr, der jeweiligen Episoden ein Betroffener durchgemacht, desto schlechter wirkt in der Regel die Behandlung. Das bedeutet  im Umkehrschluss, dass eine rechtzeitige medikamentöse Therapie den Verlauf deutlich verbessern kann. Die Symptome der manisch-depressiven Erkrankung lassen sich durch die Medikamente deutlich abschwächen. Es wird davon ausgegangen, dass ein Drittel der Betroffenen, die an einer bipolaren Störung leiden, vollständig geheilt werden.