Bipolare-Störung

Die Betroffenen mit einer bipolaren Störung schwanken zwischen Manie und Depression. Es ist daher wichtig eine frühe Diagnose zu stellen und im Anschluss eine Therapie durchzuführen, aber leider vergeht bis dahin in den meisten Fällen sehr viel Zeit.

Will man einen bestimmten Persönlichkeitstypen oder eine Berufsgruppe finden, die besonders häufig unter einer bipolaren Störung leidet, wird man sie so nicht finden. Manager, Ärzte und Lehrer sind genauso betroffen wie Hausfrauen oder Arbeiter. Was sie gemeinsam haben ist, dass sie in der Regel über längere Zeiträume ohne Beschwerden sind und unauffällig leben – bis eine neue manische Episode anfängt. Bei der euphorischen Stimmung steht das Leben dann Kopf. In diesen Phasen verlieren die Betroffene nicht selten alles, was sie haben: egal ob finanziell, an Freundschaften oder auch ihren Job. Manie und Depression sind die beiden entgegengesetzten Pole dieser Erkrankung. Deshalb wird sie auch manischdepressive Erkrankung genannt.

„Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt“ – so wird die Diagnose auch häufig bezeichnet und empfunden. Die Erkrankung wird in der Fachsprache bipolare affektive Störung genannt. Die manisch-depressive Erkrankung (bipolare Störung) ist die Krankheit der extremen Stimmungen und Emotionen. 

Es gibt eine individuelle Leidensgeschichte

Es gibt leider zu viele Leidensgeschichten! Beispielsweise jene des braven Verwaltungsbeamten, der mit Ende 35 seine erste Manie bekommen hat. In dieser Phase beschloss er dann, seinen Job zu kündigen und einen Oldtimer-Verleih-Service zu gründen. Für den hat er sich mit mehreren 100.000 Euro verschuldet. Am Ende der Geschichte war der Scherbenhaufen sehr groß: den Job verloren, viele Schulden und eine Ehekrise.

Oder der stille Ingenieur, Vorstandsmitglied eines deutschen Unternehmens, der in seiner manischen Phase urplötzlich auf die glorreiche Idee kam, er könnte den Vorstandskollegen seinen Bericht dieses Mal musikalisch vorbringen. Was dann zu seiner Entlassung führte.

Es gibt unterschiedliche Verläufe

Diese Beispiele mögen im ersten Augenblick komisch anmuten. Das sind sie aber nicht, sie sind  tragisch. In Deutschland leiden ca. 1% Prozent der Bevölkerung an einer bipolaren Störung. Die bipolare Störung beginnt bereits im Jugend- oder im jungen Erwachsenenalter. Es gibt aber auch Betroffene, die mit Anfang 20 erkranken und mit Mitte 40 erwerbsunfähig sind. Genauso gibt es Betroffene, die es schaffen, bis zur Altersrente im Arbeitsleben zu bleiben. Bei jedem zweiten Betroffenen kommen weitere psychische Erkrankungen hinzu, zum Beispiel Angst-, Zwangs- und Suchterkrankungen sowie auch Persönlichkeitsstörungen oder Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitäts-Störung (ADHS).

Verlaufsformen und Frühwarnsymptome

  1. Verlaufsform:

Für die erste Verlaufsform der bipolaren Störung sind ausgeprägte Manien und Depressionen charakteristisch. Die Betroffenen haben eine oder mehrere über mindestens eine Woche anhaltende Phasen, in der die Kriterien für eine Manie erfüllt sind und zwischen denen Monate bis Jahre liegen können.

  1. Verlaufsform:

Die zweite Verlaufsform der bipolaren Störung ist durch weniger ausgeprägte bzw. kürzer andauernde Manien, sogenannte Hypomanien, oft gefolgt von schweren depressiven Episode,n gekennzeichnet. Diese Verlaufsform ist sehr schwierig zu deuten, da rückblickend die Phasen der Hypomanien oft nicht als krankhaft erkannt werden.

Frühwarnsymptome für manische Phasen:

  • erhöhte Kreativität, gesteigertes Selbstvertrauen,  Euphorie und neue Ideen
  • gesteigerter Alkohol- und Drogenkonsum, Konzentrationsprobleme und Reizbarkeit
  • verstärktes Mitteilungsbedürfnis und veränderte Wahrnehmung
  • gesteigertes sexuelles Interesse

Frühwarnsymptome für depressive Phasen:

  • Selbstzweifel, vermehrtes Grübeln, Energielosigkeit und Niedergeschlagenheit
  • vermindertes Leistungsvermögen, Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafstörungen und Antriebslosigkeit  
  • Reizbarkeit, vermindertes sexuelles Interesse, Unruhe und Ängstlichkeit

Was ist eine bipolare Störung?

Die bipolare Form der Depression, auch manischdepressive Erkrankung genannt, ist dadurch gekennzeichnet, dass es einen schnellen und häufigen Wechsel zwischen den unterschiedlichen Krankheitsphasen gibt. Bei der depressiven Phasen leiden die Betroffenen an Symptomen, wie sie auch für die monopolare Form der Depression typisch sind (siehe Text Depression- Wenn die Welt in Dunkelheit versinkt). Häufig steht dabei die Antriebslosigkeit im Vordergrund. Die sogenannten manischen Phasen äußern sich quasi konträr:

  • Die häufigen Symptome sind starke euphorische (Hoch-)Gestimmtheit, eine der Situation unangemessene Fröhlichkeit und Energiegeladenheit, dazu kommt eine übersteigerte Gereiztheit bis hin zu Aggressivität.
  • Der Betroffene hat ein nicht zu stoppendes Redebedürfnis. Sie sprechen sehr schnell, ihre Gedanken sind flüchtig, sie sind leicht ablenkbar und überschätzen ihre eigene Leistungskraft.
  • Ein Kontrollverlust im Hinblick auf den Umgang mit Geld oder Verträgen ist sehr häufig, die negativen Folgen werden nicht bedacht.
  • Dazu kommen Wahnvorstellungen, zum Beispiel Gedanken, etwas Besonderes zu sein oder das Gefühl, von außen gelenkt zu werden, oder Sinnestäuschungen, wie das Hören von Stimmen können während einer manischen Episode auftreten.

In Deutschland sind etwa 800.000 Menschen von der bipolaren Störung betroffen. Bei den meisten Betroffenen passiert der Übergang von einer depressiven zu einer manischen Phase schleichend.

Wie lange dauern die Phasen?

Während eine manische Phase unbehandelt oft nur einige Wochen oder Monate andauert, ist es bei der unbehandelten depressiven Episode häufig deutlich länger. Im Einzelfall spricht man bei einer Erkrankungsdauer, die länger als zwei Jahre dauert, von einer anhaltenden, chronischen Depression – das heißt aber nicht, dass keine Hilfe möglich ist!

Der Wechsel zwischen den Phasen der bipolaren Störung ist für die Betroffenen und ihr soziales Umfeld eine große Belastung. Das Risiko für Suizidversuche und Suchterkrankungen ist bei einer bipolaren Störung besonders hoch. Umso wichtiger sind die rasche Diagnose eines erfahrenen Psychotherapeuten und eine anschließende Therapie.

Es wird davon ausgegangen, dass über 60 Prozent aller Depressionen nicht behandelt werden. Das hat vielfältige Gründe. Die Anzeichen zeigen sich von Mensch zu Mensch in Stärke, Dauer und Zusammensetzung deutlich unterschiedlich. Dadurch ist es für die Ärzte nicht immer leicht, eine Depression zu diagnostizieren.

Episoden von Manie und Depression

Betroffene durchleben depressive Phasen mit tiefsten Stimmungslöchern und manische Phasen mit euphorischer oder ungewöhnlich gereizter Stimmung mit deutlich gesteigertem Antrieb. Sind die manischen Episoden eher schwach ausgeprägt, spricht man von hypomanischen Phasen. Sie können unbehandelt zwischen einigen Wochen bis zu einem Jahr andauern. In sehr schweren unbehandelten Fällen haben die Betroffenen pro Jahr vier Episoden oder sogar noch mehr. Ist die Manie sehr stark, können zusätzlich die Symptome einer Psychose auftreten. Dies kann sich als Verfolgungswahn aber auch als Größenwahn zeigen. Wie ausgeprägt die einzelnen Episoden sind und in welcher Abfolge sie auftreten, ist individuell verschieden.

Ursachen sind nur teilweise geklärt

Zum einen kann eine genetischen Komponente und zusätzlich auch eine frühkindliche Traumatisierung eine Rolle bei der Entstehung einer bipolaren Störung spielen. Es ist nachgewiesen, dass bei den Betroffenen der Hirnstoffwechsel, aber auch die Plastizität der Nervenzellen gestört ist. Die Erkrankung einer bipolaren Störung oder auch eine neue Episode können durch emotionale Stresserlebnisse positiver oder negativer Natur ausgelöst werden. Es können auch Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus auftreten, die sich bei genetisch vorbelasteten Menschen negativ auswirken und das Fass zum Überlaufen bringen.

Bis zur Diagnose dauert es häufig sehr lang

Wichtig ist, dass die Erkrankung der bipolaren Störung möglichst früh erkannt und konsequent therapiert wird. Das Suizidrisiko der Betroffenen mit bipolaren Mischzuständen (wenn sich eine manische und eine depressive Episode also überlagern) ist sehr hoch. Somit kann eine frühzeitige Therapie die Schwere und Häufigkeit der Episoden vermindern. Außerdem sollte die Therapie frühzeitig starten, damit das Leben nicht in einem Scherbenhaufen endet. Daran hapert es leider: Eine Analyse mit über 9400 Patienten aus 27 Studien zeigte, dass es im Durchschnitt sechs Jahre lang dauert, bis bei ihnen die richtige Diagnose gestellt wird. Das ist viel zu lang. Deshalb ist es wichtig, schnellstmöglich herauszufinden, wenn etwas nicht stimmt, um mit den richtigen Ärzten und Therapeuten eine Therapie zu starten. vita nova kliniken 

Warum dauert es bis zur Diagnose so lang?

Der Betroffene durchlebt zunächst drei bis vier Mal eine depressive Phase und erst danach eine manische Phase. Im ersten Moment deutet dadurch alles auf eine Depression hin. Erst wenn es zu einer Manie kommt, spricht dies für eine bipolare Störung. Mit speziellen Biomarkern im Blut, also bestimmten Laborwerten, wäre die Diagnose viel einfacher. Diese Entwicklung ist sehr vielversprechend, aber leider noch weit vom klinischen Alltag entfernt.  Ein weiterer Grund ist, dass die Frühwarnsymptome nicht sehr deutlich sind. Konzentrationsstörungen und Schlafstörungen sowie Stimmungsschwankungen sind gerade bei Jugendlichen heutzutage nichts Ungewöhnliches mehr.

Es ist auch möglich, dass die ersten manischen Phasen nicht besonders ausgeprägt sind. In der hypomanen Phasen sind die Menschen vielleicht etwas redseliger als sonst, haben aber noch eine ausreichende Selbstkontrolle. Die Familienmitglieder sollten auch nach Auffälligkeiten im Verhalten der Betroffenen befragt werden, was wichtige Hinweise liefern kann . Wenn zum Beispiel die Ehefrau erzählt, dass ihr Mann plötzlich nachts anfing, die Küche zu streichen und nicht mehr schläft, deutet das stark auf eine manische Phase hin.

Aufbau der Therapie: Psychotherapie und Medikamente

Das zentrale Element in der Behandlung der bipolaren Störung sollte eine Psychotherapie sein, damit neue Phasen möglichst  lange herausgezögert werden können und um ihnen auch vorzubeugen. Die Betroffenen lernen, Stressfaktoren zu erkennen und zu minimieren. In den meisten Fällen wird die Psychotherapie von Medikamenten begleitet; dabei sind sie oft die Basis, damit eine Psychotherapie überhaupt möglich wird. Das Ziel ist es, die Beschwerden einer aktuell ablaufenden Phase zu lindern oder der nächsten Phase vorzubeugen. Medikamente können weitere Episoden in der Regel zwar nicht vollständig verhindern, sie können aber die beschwerdefreie Zeit bis zur nächsten Episode verlängern. Dadurch kann die Stimmung, der Antrieb und der Schlafrhythmus stabilisiert werden.

Phasenprophylaxe – eine Lösung für die Betroffenen

Lithium kann zum Beispiel die Stimmung stabilisieren. Bei einem Drittel der Betroffenen kommt es dadurch zu einem Stillstand der Erkrankung. Ein weiteres Drittel spricht teilweise auf Lithium an, aber der Rest der Betroffenen leider gar nicht. Wichtig dabei ist, dass die Betroffenen Lithium durchgehend und regelmäßig in der genau richtigen Dosis einnehmen. Typische Nebenwirkungen sind Gewichtszunahme, Kreislaufstörungen, Zittern, Übelkeit oder Müdigkeit.

Alternativ zu Lithium eignen sich Antipsychotika und Antiepileptika zur Therapie einer akuten Manie. Befindet sich der Betroffene in einer depressiven Phase, sind Antidepressiva, Stimmungsstabilisierer und manche atypischen Antipsychotika geeignete Mittel. Die medikamentöse Behandlung von Mischzuständen ist schwierig. Antidepressiva können hier z.B. den Zustand verschlimmern, sind also ungeeignet. Da gibt es aber eine Mischung aus Lithium und bestimmten Antiepileptika und Antipsychotika. Als nicht medikamentöse Verfahren gibt es noch die Wachtherapie mit Schlafentzug und die Elektrokrampftherapie zu erwähnen.Die sollte aber nur in den depressiven Phasen angewendet werden. Und dazu was ganz banales, denn auch Sport kann die Stimmung aufhellen.

Psychotherapie auch für die Angehörigen

Eine bipolare Störung kann heute vergleichsweise gut behandelt werden – immer angepasst an die jeweilige Phase. Es mangelt aber leider an Psychotherapeuten und Psychiatern, die sich mit dem Krankheitsbild gut auskennen.

Auch die Angehörigen, die unter dem Leben mit einem Betroffenen mit einer bipolaren Störung stark leiden, können in die Psychotherapie mit einbezogen und geschult werden. Hier lernen sie zum Beispiel, wie sie am besten mit der Situation umgehen, um gesundes von krankhaftem Verhalten zu unterscheiden. Außerdem sollten die Angehörigen zu ihrem Selbstschutz lernen, wie sie zwischen Zuwendung und Abgrenzung balancieren können. Die gegensätzlichen Phasen einer bipolaren Störung müssen sie schließlich mittragen. Da den meisten Betroffenen während einer manischen Phase die Einsicht verloren geht – sie fühlen sich ja großartig –, ist das Wissen um die Krankheit bei den Angehörigen umso wichtiger.

Hier sollte sie sich unbedingt Hilfe holen!